zurück Zeitschrift medizinischegenetik: Genetisch bedingte Muskeldystrophien

Genetisch bedingte Muskeldystrophien

Themenschwerpunkt
medizinischegenetik 4 -1999
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Schwerpunktthema dieses Heftes sind die Muskeldystrophien. Eng verbunden mit der Genetik der Muskeldystrophien sind die Arbeiten von Herrn Professor Dr. med. Dr. h.c. Peter Emil Becker, der am 23. November 1999 91 Jahre alt geworden ist. Der bedeutende Heidelberger Neurologe Wilhelm Erb hat noch 1891 die klinische Einheit der Muskeldystrophien hervorgehoben. Er war der Ansicht, dass "Alle vier Formen ... untereinander in allen wesentlichen klinischen Merkmalen eine so weitgehende Übereinstimmung zeigen, daß ihre Grenzen sich verwischen und eine scharfe Trennung der einzelnen Formen nicht mehr möglich ist, es erscheint somit gerechtfertigt, diese vier Formen zu einer klinisch zusammengehörigen Krankheitsgruppe zu vereinigen und sie als klinische Einheit aufzufassen." Dieses Postulat der klinischen Einheit der Muskeldystrophien führte in den zwanziger und dreißiger Jahren zu komplexen genetischen Modellen (z.B. Sjövall, 1936), die zuletzt jedoch nicht schlüssig waren. Erst P.E. Becker hat 1940 mit seiner wegbereitenden Arbeit "Die Einteilung der Muskeldystrophien" klar erkannt, dass nur unter Berücksichtigung des zu Grunde liegenden Erbgangs eine sinnvolle Klassifikation der Muskeldystrophien möglich ist. Becker beschrieb eine X-chromosomal rezessive Form (Duchennesche Muskeldystrophie), eine autosomal dominante Form (Facio-scapulo-humerale Muskeldystrophie) sowie eine autosomal rezessiv erbliche Form (Gliedergürtel-Muskeldystrophie). Becker hat diese praktisch heute noch gültige Einteilung 1972 und 1986 erweitert. Bestätigt wurde diese Klassifikation nach Einführung molekulargenetischer Methoden in die Humangenetik vor etwa 20 Jahren auf molekularer Ebene. Die Muskeldystrophien sind ein hervorragendes Beispiel für die überragende Bedeutung der Molekulargenetik. Sie hat nicht nur die Basis für eine rationale Klassifikation geliefert sowie die teilweise invasive Diagnostik in vielen Fällen durch die molekulargenetische Analyse ersetzen können, sie hat vor allem aber entscheidende Einblicke in die Ursache der jeweiligen Krankheitsbilder liefern können. Diese Erkenntnisse lassen eine weitergehende Aufklärung erwarten, sie bieten aber bereits jetzt oft eine zuverlässige Basis der genetischen Beratung. Die umfassenden Arbeiten von P.E. Becker sind jedoch in einer weiteren Hinsicht für uns von bleibender Gültigkeit. Ein Schlüssel der Arbeiten liegt in der von Becker erkannten zentralen Bedeutung des Phänotyps als Voraussetzung für die Definition von Entitäten. P.E. Becker hat durch die unbestechliche Akribie der Beschreibung der Krankheitsbilder die wesentliche Basis für weitergehende Analyse gelegt. Der Stellenwert der umfassenden klinischen Beschreibung, deren Bedeutung für die Humangenetik in der Vergangenheit phasenweise verloren zu gehen drohte, wurde gerade in jüngster Zeit wieder erkannt. P.E. Becker hat mit der präzisen Beschreibung des klinischen Bildes erst die Voraussetzungen für die genetische Analyse gelegt, seine Methodik ist damit wieder aktuell. Heute hätte sich Becker zur Aufklärung der Muskelkrankheiten neben der Methodik der klassischen Genetik sicher der Molekulargenetik bedient. Das vorliegende Heft enthält Arbeiten zu allen wichtigen Muskeldystrophien wie der X-chromosomalen Muskeldystrophie Duchenne/Becker (A. Becker et al.), der X-chromosomalen Muskeldystrophie Emery-Dreifuss (Wehnert et al.) und zur großen Gruppe der Gliedergürteldystrophien (Bönnemann et al.). Die Facio-scapulo-humerale Muskeldystrophie, eine klinisch schwer zu erfassende Krankheit, wird von J. Köhler und M. Koch beschrieben. Zwei bisher weniger bekannte Muskelerkrankungen konnten durch Erkenntnisse der Molekulargenetik in jüngster Zeit genauer definiert werden: die okulo-pharyngeale Muskeldystrophie (Kress et al.) sowie der proximalen myotonen Myopathie (Ricker), die bisher erst unvollständig aufgekärt ist. Hinweisen möchten wir auch auf die Leitlinien zur molekulargenetischen Diagnostik der Muskeldystrophie Duchenne und Becker (C.R. Müller et. al). Zur Erforschung der Muskelkrankheiten konnten deutsche Arbeitsgruppen in der Vergangenheit wichtige Beiträge liefern. Wesentlich hat hierzu die Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke e.V. (DGM) beigetragen. Sie nimmt nicht nur die Interessen der Betroffenen durch eine vorbildliche Organisationsform (s. Beitrag Pongratz) wahr und fördert deren Betreuung vorbildlich, sie sieht darüber hinaus die enorme Bedeutung der humangenetischen Forschung für die Betroffenen in einem steten Dialog und einer Zusammenarbeit mit Humangenetikern und mahnt uns fortwährend, ein zentrales Ziel der Muskelforschung, die Entwicklung einer Therapie der Muskelkranken nicht aus dem Auge zu verlieren. Alle Autoren stehen in engem Kontakt mit der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke. Die DGM hat zahlreiche Arbeiten gefördert, mehrere Autoren wurden durch Preise der DGM ausgezeichnet. Es ist uns eine besondere Freude, dieses Heft mehr als ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen fundamentaler Arbeiten zu den Muskeldystrophien, Herrn Professor Becker gemeinsam mit seiner Frau Rosette zu widmen. Wissenschaftliches Arbeiten ist nur selten "familienverträglich" und ist meist nur deshalb möglich, weil die Ehepartner viele familiäre Aufgaben übernehmen und wesentlichen Anteil an den Arbeiten der Partner haben, diese oft überhaupt erst ermöglichen. Wir wissen, dass Frau Becker in diesem Sinne viel zu den Arbeiten ihres Mannes beigetragen hat.

(Tiemo Grimm, Klaus Zerres)

Inhalt

Muskeldystrophien - Von der klinischen Beschreibung zur molekularen Aufklärung
Tiemo Grimm, Klaus Zerres (pdf-file 1,1MB)

Leitlinien zur molekularen Diagnostik der Muskeldystrophien Duchenne und Becker
BVmedgen, Clemens R. Müller, Tiemo Grimm, Thomas Bettecken, Bernd Dworniczak, Peter Steinbach

Möglichkeiten der Carrier-Diagnostik bei Deletionen im Dystrophin-Gen
Andrea Becker, Bart Janssen, Anna Jauch (pdf-file 253KB)

Emery-Dreifuss Muskeldystrophie - genetische Dissektion eines Phänotyps
Manfred S. Wehnert, Maria Hoeltzenbein (pdf-file 148KB)

Differentialdiagnostisches Vorgehen bei sporadischen Muskeldystrophien vom Gliedergürteltyp im Kindesalter
Carsten Bönnemann, Folker Hanefeld (pdf-file 104KB)

Genetik der Fazioskapulohumeralen Muskeldystrophie (FSHD)
Jutta Köhler, Manuela C. Koch (pdf-file 70KB)

Die Okulopharyngeale Muskeldystrophie
Wolfram Kreß, H. Porschke, Tiemo Grimm, Clemens R. Müller (pdf-file 224KB)

Proximale myotone Myopathie (PROMM)
Kenneth Ricker (pdf-file 343KB)

Muskelzentren (neuromuskuläre Zentren) im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke e.V.
Dieter Pongratz (pdf-file 323KB)